
Die Murmeltiere besaßen eine verzweigte Kolonie von Erdbauen. Bisher hatten sie dort ein sorgenfreies Leben geführt. Aber eines Nachts kamen ein Dutzend Ratten und nisteten sich in einem leer stehenden Bau ein. Am nächsten Tag war guter Rat teuer.
„Eine
Frechheit, hier einfach einzudringen und Wohnung zu nehmen!“, schimpfte ein
Murmeltier, „dieser Dreck, dieser Gestank! Und immer dieses Drängeln und Trippeln
in den Gängen!“
Murmeltiere
haben kurze buschige Schwänze, breite runde Köpfe und sind von Natur aus gemütliche
Pummel. Sie haben was gegen Ratten, die in der Nacht kommen, Baue besetzen,
die ihnen nicht gehören, und ansonsten stehlen und zernagen, was sie nur finden.
Murmeltiere haben was gegen die langen spitzen Schnauzen der Ratten und gegen
deren nackte Schwänze – kurzum: Murmeltiere hassen Ratten und machen einen Bogen
um solche Schmarotzer.
„Ratten
im Bau! Schlimmer konnte es nicht kommen!“
Die
Murmeltiere murrten, man hielt Rat.
„Mein
ganzer Wintervorrat ist weg. Dafür jede Menge Rattenköddel!“
„Beruhigt
euch!“. Der Häuptling der Murmeltiere hatte den dicksten Pelz von allen, im
Rücken und um den Bart war er schon ziemlich weiß.
„Wir kriegen sie schon noch raus aus dem Bau.“
„Und
wie soll das gehen? Meinst du, dass wir einfach reingehen sollten in das Rattenloch
und ‚husch!’ sagen, und dann verschwinden die auch?“
„Nein!
Allein schaffen wir das nicht. Ratten sind üble Rabauken – die springen uns
an und beißen zu.“
Du
sagst es - Rattenzähne tun scheußlich weh.“
Die
Murmeltiere, da sie keinen Rat wussten, wandten sich an den Magistrat. Dort
duckten sich die Grautiere hinter ihren Monitoren, luden Bilder runter, ließen
die Drucker stöhnen. Es roch nach Staub und faulen Pelzen. Es dauerte eine
Frühstückspause lang, dann wurden die Bittsteller vorgelassen. Sie klagten dem
Oberesel ihr Leid. Der wackelte mit den Ohren, unterdrückte ein Gähnen und streckte,
dehnte die Hufe. Ihn plagte die Gicht, obwohl es im Magistrat behaglich warm
war - in seiner Jugend hatte er nämlich einem Schäfer das Gepäck getragen.
„Sie
haben Ratten im Bau sagen sie?!“, der Oberesel pulte sich einen Möhrenrest aus
den Zähnen. „Seid behutsam, Leute! Euer Problem muss einvernehmlich gelöst werden.“
„Behutsam?!
.. einvernehmlich?! .. die lachen über uns, die Ratten!“
„Wir
haben unsere Erfahrungen.“
Der
Oberesel lehnte sich zurück. Seine Knochen knackten, als er die Hinterläufe
übereinander schlug. „Sie müssen alles tun, dass die Angelegenheit nicht eskaliert.“
„Sie
sagen ‚sie müssen’ – aber was werden sie für uns tun?“
„Der
Magistrat? Der kann nichts für sie tun. Es sind ihre Baue, nicht die des Magistrats.
Einen guten Rat aber habe ich für sie, den Konflikt zu deeskalieren und ihr
Problem zu lösen.“
Der
Häuptling der Murmeltiere kratzte sich hinter dem Ohr. „Ein guter Rat? Lassen
Sie ihn hören.“
„Verwenden sie ihr Eigentum zum eigenen Nutzen - geben Sie den Ratten einen Mietvertrag.“
„Einen
Mietvertrag für die Ratten?! Wir wollen die Ratten doch gar nicht. Loswerden
wollen wir die Ratten! Deshalb sind wir hier .. einen Mietvertrag mit den Ratten!“
Dem
Oberesel stießen die gelben Futtermöhren auf. Neuerdings hatte er Probleme mit
dieser Sorte. Seine Augen blickten müde, er wippte mit dem linken Hinterhuf.
„Tja
– man hat es nicht leicht mit den Ratten“, sagte er schließlich. „Aber der Magistrat
kann nichts für sie tun. Tut mir aufrichtig leid. Auf Wiedersehen!“
Eine
hübsche junge Eselin schloss die Tür hinter der Delegation. Draußen rutschten
eine Handvoll Büffel, Würgschlangen, Bergziegen auf ihren Stühlen rum - im Geweih
eines Wapiti turnten Rhesusaffen. Alle Tiere schauten verdrossen auf die geschlossene
Tür der Amtsstube. Die Verhandlung des
Vergeblichen braucht Zeit im Magistrat. Viel Zeit.
Die
Zahl der Ratten hatte sich vermehrt. Stand man bei Mondlicht draußen und schaute
über die Grashänge, worunter die Baue und Gänge der Murmeltiere waren, so sah
man hundert spitze Rattenköpfe aus den Löchern fahren und rundum sichern. Es
waren besonders schmuddelige Ratten, die inzwischen bei den Murmeltieren weitere
Baus besetzt hielten und wie die Erdmännchen Wache standen.
Das
Dromedar hatte einen besonders fülligen Fetthöcker und einen besonders arroganten
Zug ums Maul. Es blickte gelangweilt auf das nächtliche Schauspiel, wozu man
es geholt hatte. Das Dromedar hatte sich dieser Aufgabe stellen müssen, weil
es der für die hiesige Region gewählte Abgeordnete im Tier-Parlament war.
„Doch“,
sagte das Dromedar zu den Murmeltieren, „es sind eine ganze Menge Ratten. So
viele auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen.“
„Das
sagen wir ja“, die Murmeltiere fuchtelten mit den kurzen Armen und riefen durcheinander,
„die Ratten hausen in unseren Bauen, viele von uns müssen in den Gängen pennen,
unsere Jungen müssen wir verteidigen, damit sie nicht gefressen werden. Es stinkt
bei uns wie in einem Plumpsklosett.“
Das
Dromedar klatschte sich den Schweif um die Flanken, weil es die Rattenflöhe
zwickten. So zähe Flöhe hatte es noch nie zerquetscht, die zwickten noch, wenn
sie schon platt waren.
„Das
geht wirklich zu weit“, meinte das Dromedar, „ich gebe ihnen vollkommen recht
in der Sache.“
„So
werden sie uns helfen?“
„Natürlich
werde ich ihnen helfen. Ich muss nur erst ..“
Das
Dromedar quiekte, hüpfte, weil ein Strom Ratten über seine Füße gelaufen war.
Die Ratten fielen über den Dung des Dromedars her, der in der Nachtkühle dampfte.
„Was
müssen sie erst noch?!“
„Nun,
ich muss erst noch die andere Seite hören – dazu bin ich als Abgeordneter verpflichtet.“
„Wie
– die Ratten wollen sie hören? Diesen Schmarotzern sind sie verpflichtet?!“
„Nun
ja .. anhören muss ich alle Bürger.“
„Die
Ratten auch?!“
„Verstehen
sie, ich bin allen Wählern verpflichtet.“
„Sie
sagen, dass die Ratten sie gewählt haben?“
„Nein,
so war das nicht gemeint .. aber die Ratten sind eben auch Bürger. Bürger mit
Rechten und Freiheiten. Ich bin auch für sie da.“
Das
Dromedar hatte den Kopf gesenkt um ein bisschen Gras zu zupfen, und als es den
Kopf wieder hob, sahen die Murmeltiere dem Dromedar dicke, fette Ratten auf
der Nase rumtanzen.
Bald
wurden Ströme von Ratten gesichtet. Die Straßen und Wege waren schwarz von diesen
unappetitlichen Nagern, und es war klar, dass sich die Lage bei den Murmeltieren
zuspitzen würde.
Der
Richter war ein grämlich blickendes Schaf mit gekräuselter Merinowolle.
„Sie
stellen also Strafantrag gegen die Ratten“, sagte der Richter, „soweit klar.
Also Einbruch und Raub sagen sie, und eine Verfügung soll her, dass man den
Ratten die Tür weist?“
„Gewiss, Euer Ehren“, sagte der klapperdürre Wolf, der Anwalt der Murmeltiere war. „Es ist gar zu arg, dass die Ratten einfach Wohnung nehmen bei den Murmeltieren und diesen auch die Nahrung wegschnappen.“
Die Rede des Wolfs stockte, weil ihm die Zahnprothese verrutscht war.
„Ist
denn alles wohl verschlossen bei den Murmeltieren?!“. Das Schaf konnte nicht
nur grämlich gucken, sondern auch grämlich fragen. „Ich meine, sind Schloss
und Riegel vor den Bauen und den Vorratsröhren?“
„Nein, Euer Ehren, das nicht. Aber wissen sie, es ist ja auch nicht üblich bei Murmeltieren, dass sie ..“
Der
Anwalt hustete, weil ihm das Gebiss querstand im Fang.
„Die
Gesetze sind für alle da, auch für die Murmeltiere.“ Das Schaf nahm einen Schluck
aus seinem Wassernapf. „Sie glauben doch nicht, dass ich einer Klage auf Einbruch
und Raub gegen die Ratten, die Beklagten also, stattgebe, wenn gar nichts verschlossen
ist bei den Murmeltieren, den Klägern?“
Die jungen Schafe auf den Besucherbänken klatschten - es waren Studenten der Jurisprudenz.
Auch
der Häuptling der Murmeltiere saß im Saal, umgeben von seiner Delegation.
„Euer
Ehren“, sagte der Häuptling, „Die Ratten!! Es werden von Tag zu Tag mehr. Sie
bringen uns alle um. Erst die Murmeltiere, dann den ganzen Staat der Tiere.“
Der
Richter sah gequält drein. Er blickte aus dem Fenster, und er sah immer mehr
Tiere nach Hause eilen, weil Feierabend war. Ihm knurrte der Magen. Er hätte
so gern noch ein gemütliches Stündchen gegrast daheim, mit seiner Frau und den
Lämmern, gemeinsam auf seiner duftenden Wiese.
„Die
Klage wird abgewiesen“, sagte das Schaf und schlug mit dem Hammer auf den Richtertisch.
"Die Kosten des Verfahrens tragen die Murmeltiere.“
„Aber
Euer Ehren!“, der Anwalt zischte und spuckte, weil er vergessen hatte, sich
das Gebiss wieder einzusetzen, „tausend weitere Ratten sind auf dem Weg hierher,
in wenigen Stunden ist es soweit, dann fallen auch sie bei den Murmeltieren
ein!“
Also
gut!“, sagte der Richter. „Eine Rattenplage will Niemand, auch nicht das hohe
Gericht. Ich rufe den Herrn Staatsanwalt auf, Maßnahmen zur Deeskalation zu
treffen.“
Tatsächlich
wurden darauf hin tausend Bereitschaftskatzen in die Berge geschickt, damit
man den Zustrom der Ratten lenkte. Es waren erfahrene Beamte mit Wampen und
Stumpfkrallen, denen man beigebracht hatte, wie man an die friedlichen Instinkte
der Ratten appelliert. Den Ratten kam es gut aus, dass man sie geleitete und
ihnen den rechten Weg ins Gebiet der Murmeltiere wies. Die Bereitschaftskatzen
schnurrten, wenn sie von Ratten und Rattenflöhen friedlich gezwickt wurden.
„Was
soll denn dieser Mumpitz mit den tausend Bereitschaftskatzen?“, fragte das greise
Trampeltier, das der Kanzler der Tierrepublik war und einen noch feisteren Höcker
hatte als sein Parteifreund, das Dromedar. „Solch ein Aufwand wegen ein paar
Ratten!“
„Der
Einsatz dient der Deeskalation – das Problem bei den Murmeltieren muss friedlich
gelöst werden.“ Dies sagte der Innenminister, ein Riesen-Faultier, das es sich
in seiner Hängematte bequem gemacht und damit begonnen hatte, sich die zwei
Zehen spitz zu feilen.
„Was
brennen dort draußen eigentlich für Feuer auf den Hängen?“, dies fragte der
Kanzler, wobei ihm Spuckfäden von den haarigen Lippen tropfte. „So etwas habe
ich im Reich der Tiere noch nie gesehen.“
„Sie
brennen dort aus Vorsicht“, sagte die Brillenschlange, die der Gesundheitsminister
im Reich war. „Es hat einige Infektionen im Reich gegeben, die durch Pasteurellae-Pestis-Bakterien
verursacht worden sind.“
„Aus
Vorsicht? .. Hm .. das Feuer ist gegen die Bakterien, oder?“
„Nicht
ganz - dort werden die Leichen hingekarrt und vorsorglich verbrannt.“
„Die
Leichen?! .. welche Leichen?“
„Die
von den Murmeltieren.“
„Was
ist mit den Murmeltieren?“
„So
genau wissen wir das nicht. Der Marabu sagt, dass dort eine tödliche Seuche
umläuft. Sie wird vom Biss durch den Rattenfloh übertragen. Ja, das behauptet
der Marabu.“
Das
Dromedar stöhnte.
„Was
hast du?“ Der Kanzler sah das Dromedar in die Knie gehen. „Was hast du da für
dicke schwarze Flecken um die Nase, und was sind das für Eiterbeulen auf deinem
Leib und auf deinem Höcker?“
Das
Dromedar zuckte und wälzte sich am Boden.
„Was
ist los mit Euch?“, rief das Trampeltier, denn der Kanzler sah die Brillenschlange
sich auf den höchsten Eichbaum im Reich winden, und das Riesenfaultier
hinter ihm her trödeln.
„Wir
wollen keine Eskalation!“, so riefen die Fachminister. Von oben fetzten Zweige
und Rindenstücke.
„Es ist die Beulenpest“, ächzte das Dromedar. „Scheiß-Deeskalation!“. Das waren seine letzten Worte.